Cloud Computing: Alles im Kasten

Das Problem des Cloud Computing ist, dass keine zwei Experten sich einig sind, was es überhaupt ist, richtig? Falsch: Seit Sonntagabend sind sich wenigstens zwei Major Player im Markt einig: Larry Ellison von Oracle hat sich auf die Seite von Amazon geschlagen und damit auch eine eindeutige Antwort auf die alte Frage gegeben: Ist Cloud Computing ein Anwendung oder eine Plattform? Nein, sagte er Mann, der gewohnt ist, auf dem Wasser und in der IT-Branche den Kurs zu bestimmen, Salesforce.com sei kein Cloud Computing, sondern eine Anwendung im Internet.

Wer Cloud sagt, der muss laut Larry eine Plattform meinen, auf der eine Vielzahl von Anwendungen entwickelt und ausgeführt werden können. Er muss ja sagen zu Virtualisierung, denn ohne die gibt es für ihn keine Cloud. Und die verwendete Technologie muss „elastisch“ sein, sprich schnell und einfach erweiterbar – und umgekehrt: Wenn der Spitzenbedarf vorbei ist, sollte der Anwender in der Lage sein, die angeforderten Ressourcen wieder zurück zu geben. Ach ja, und bezahlt wird natürlich in einer richtigen Cloud nur nach tatsächlichem Verbrauch.

Ellison ist ein Mann, der das, was er sagt, auch vorlebt. Und so löste er denn auch recht schnell das Rätsel um den seltsamen übermannshohen Kasten auf, der am Sonntagabend stumm neben ihm auf der Bühne des Moscone Center in San Francisco stand, während er seine Eröffnungs-Keynote für die diesjährige „Hausmesse“ Oracle Open World stand. Es handelt sich um die „Cloud in a box“, wie Ellison stolz verkündete: Eine komplette, vorkonfiguierte Private Cloud für Unternehmen, und zwar mit allem drum und dran: 30 parallel geschaltete Server, Speichersysteme, gleich zwei Betriebssysteme (Solaris für die Hardware und Linux für die Software), VM und Middleware, natürlich von Oracle. Einfach aufstellen, einschalten – und fertig ist die private Wolken-IT hinter der Firewall. Das, so Ellison im Brustton der Überzeugung (ein andere kennt er nicht) ist die Zukunft des Cloud Computing.

Nun, wenn das so ist, dann wird sich diese Zukunft zunächst einmal nur großen Unternehmen erschließen, denn die Kiste, „Exalogic Elastic Cloud“ genannt, soll eine schlappe Million Dollar kosten. Dafür könnte man auf zwei von ihnen den gesamten Kundenverkehr von Facebook mit 500.000 Mitgliedern abwickeln, denn pro Kiste lassen sich je eine Million http-Anfragen pro Sekunde bedienen. Auf einer bereits gelieferten Vorserienmaschine wird seit kurzem das gesamte Fahrkartengeschäft der chinesischen Staatseisenbahn verwaltet. Nein, EEC ist keine niedliche kleine Wolke, die Box, in der sie läuft, nicht gerade eine Schmuckschatulle.

Dass der eigenwillige Konzernchef die Ankündigung der Wolken-Kiste an den Anfang des großen Jahresevents (41.000 Teilnehmer, die halbe Innenstadt von San Francisco für die Eröffnungsparty am Sonntagabend abgesperrt) stellte, hat durchaus symbolhaften Charakter. Seit Jahren arbeitet Ellison daran, den ehemaligen Datenbanklieferant zu einem Vollsortimenter auszubauen, der gleichermaßen in der Software und der Hardware zu Hause ist. Nach den Akquisitionen von Siebel und Peoplesoft schnappte Ellison letztes Jahr IBM den maroden Hochleistungscomputerspezialisten Sun Microsystems vor der Nase weg, und viele in der Branche fragten sich warum.

Pünktlich zur Oracle Open World hat Ellison dem Unternehmen ein neues Firmenmotto verpasst: „Software and hardware – engineered to work together“. Durch die Parallelentwickelung sowie die vollständige Verzahnung will Oracle in Zukunft den Kunden alles aus einer Hand anbieten – und ihn damit natürlich auch viel enger als bisher an sich binden.

Die Cloud ist da ein guter Ausgangspunkt. Angesichts der großen Unsicherheit bei vielen CIOs und Anwenderunternehmen, die sich vor angeblichen oder tatsächlichen Sicherheitsrisiken des Cloud Computing fürchten, ist eine auf handliches Kistenformat reduziertes Angebot, das zudem vom Kunden selbst hinter der eigenen Firewall betrieben werden kann, vermutlich eine attraktive Alternative.

Problematisch ist dagegen nach Ansicht von KuppingerCole die Absicht Oracles, die Administration des Exalogic Elastic Cloud sozusagen mit dem Kunden zu teilen. Ellison lies in seiner Keynote offen, ob Oracle nur den Inhouse-Admins von außen über die Schulter schauen wollen, oder ob sie von sich aus aktiv werden sollen, wenn ihnen irgendetwas auffällt. Dadurch, dass jede von Oracle gelieferte Kiste über die gleiche Konfiguration verfügt, eröffnen sich tatsächlich in der Fernwartung ganz neue Möglichkeiten. So kann ein Fehler, der in einem Gerät auftaucht, sofort in allen ausgelieferten Exemplaren durch Einspielen entsprechender Patches behoben werden, womöglich noch bevor er anderswo auftritt. Andererseits eröffnen sich aber potenzielle Probleme beispielsweise bei der Haftung oder im Bereich des Compliance und der Auditierbarkeit. Nun, die werden sich wahrscheinlich auf dem Weg von Service Level Agreements oder sonstigen vertraglichen Regelungen lösen lassen, über die Ellison in San Francisco noch nichts sagen konnte – aber dafür hat man ja schließlich seine Leute.

Und ausgeschwiegen hat sich der große Lenker, er sich am Steuer einer America’s Cup-Yacht genauso wohlfühlt wie am Helm eines IT-Giganten, über das weitere Verhältnis zu Amazon. Denn dass ein Larry Ellison so viel Lob über einen anderen ausschüttet, ohne sich dabei etwas zu denken, daran glaubt hier in San Francisco niemand. Spekulationen machen deshalb die Runde. Werden Amazon und Oracle in den nächsten Tagen irgendeinen Mega-Deal verkünden? Immerhin ist man sich ja über die Definition von Cloud Computing einig. Und das Wort „elastic“ hat sich Oracle auch ganz offensichtlich bei Amazons EC2 („Elastic Cloud Computing“) ausgeborgt. Am Ende heben beide gemeinsam ab – reizvoller Gedanke…



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