|
? RFID macht wieder Schlagzeilen - warum?
Gaurav: RFID gibt es schon seit 15 bis 20 Jahren, es ist also nicht gerade brandneu. In den 70er Jahren hat man damit in den USA und anderen Staaten schon erste Erfahrungen gesammelt, beispielsweise bei Mautsystemen. Die neue Welle des Interesses ist auf die Tatsache zurückzuführen, dass ein paar große Unternehmen angefangen haben, RFID in einem Business-Kontext einzusetzen. Besonders aufmerksam wurden die jüngsten Aktivitäten von Walmart sowie vom amerikanischen Verteidigungsministerium registriert. Es hat aber auch eine Reihe von Pilotprojekten anderer Unternehmen gegeben, etwa von Metro, von Prada oder Gillette.
Parthasarathi: Es gibt zwei wesentliche Gründe, weshalb das Interesse an RFID plötzlich explodiert ist. Erstens haben wir große Fortschritte in Richtung einheitlicher Standards gemacht, beispielsweise mit Hilfe der Bemühungen des M.I.T. Labs mit ihren standardisierten Protokollen.
? Dennoch bemängeln Kritiker nach wie vor das Fehlen einheitlicher Standards und machen das oft zu beobachtende Zögern der Kunden dafür verantwortlich.
Parthasarathi: In der Vergangenheit war das richtig und gilt auch heute teilweise noch, auch wenn wir bei den Level 1-Protokollen schon eine ganze Menge erreicht haben, wenn auch auf einer verhältnismäßig einfachen Ebene. Es wird meines Erachtens noch drei bis vier Jahre dauern, bis wir insgesamt einen kompletten Satz von Standards haben werden, die so anerkannt sind wie beispielsweise HTML oder XML. Es gibt aber noch eine zweite treibende Kraft bei RFID, und das ist der Electronic Product Code EPC, ein neues weltweites Warenkennungssystem, das langfristig den Strichcode ersetzen wird und die Möglichkeit bietet, einzelne Produkte über eine Seriennummer eindeutig zu identifizieren und zwar quer über Länder- und Firmengrenzen hinweg.
? Was ist der Business Case für RFID?
Gaurav: Es geht darum, mehr Transparenz im Bereich von Warenbestand und Anlagen zu schaffen sowie zeitnahe Informationen zu erhalten. Damit soll die traditionelle Latenzzeit zwischen Berichtswesen und Unternehmensentscheidungen verkürzt werden. Das Geschäft von i2 als Spezialist für Closed-Loop Supply Chain Management wird durch diese Entwicklung beeinflusst. Es geht, vereinfacht gesagt, darum, noch zeitnähere Daten - bis fast hin zu Echtzeit - über Ereignisse innerhalb der Wertschöpfungskette zu bekommen und diese anzuwenden.
? Wohin entwickelt sich der RFID-Markt?
Gaurav: Auch wenn die Technologie im Grunde nicht so ganz neu ist, so befindet sich der Einsatz von RFID bei Handel und Gewerbe noch in den Kinderschuhen. Wir haben 2003 und teilweise 2004 noch reine Pilotanwendungen gesehen. Basierend auf den hieraus resultierenden Erfahrungen kann es ab 2005 auf breiter Front zum praktischen Einsatz solcher Systeme kommen. Dafür dürften eine Reihe von treibenden Kräften verantwortlich sein, zum Beispiel neue Geschäftsmodelle, der zu erwartende ROI, ausgereifte Technik wie Lesegeräte, Karten und Middleware sowie sinkende Preise und niedrigere TCO.
? Wo sieht sich i2 in diesem Markt?
Gaurav: Unsere Stärke ist das Supply Chain Management und wir haben den Ehrgeiz, ein Rundum-Lösungspaket für unsere Kunden zur Verfügung zu stellen. Wir sammeln dabei Informationen aus einer Vielzahl von Quellen: POS-Systemen, Kassen, Lagersystemen, aber auch von mobilen Datenstationen, PDAs und GSM-Geräten. Diese Anfragen und Informationen stammen sozusagen von der Front. Wir führen sie zusammen mit übergeordneten Informationen wie Lieferscheinen, Einkaufs- oder Inventurlisten. Am Ende verwandeln wir Daten in Intelligenz und liefern dem Manager damit die Grundlage für sichere Entscheidungen. Wir holen also echten Mehrwert aus den bereits vorhandenen Informationen.
? Stellen Sie den Unternehmen nicht ein ziemlich schlechtes Zeugnis aus? Es klingt, als wüssten die gar nicht, was sie alles im Regal stehen haben.
Parthasarathi: Die Kataloge vieler Unternehmen sind voll von Dingen, die es gar nicht gibt. Der Kunde bestellt drauf los, ohne wirklich zu wissen, was er bekommen wird, weil das System oft drei verschiedene Beschreibungen für ein und dasselbe Produkt enthält. Es entstehen Kosten für Rücksendungen, Zeit geht verloren, die Wirtschaft verliert Unsummen durch falsche oder unklare Zuordnung. Was wir brauchen ist eine globale Datensynchronisation, und da sind wir schon ein ganzes Stück weitergekommen in letzter Zeit. Nehmen Sie nur Walmart: Natürlich haben die beschlossen, RFID-Tags zu verwenden, aber gleichzeitig haben sie EPC für die Warenkennung eingeführt. Das ist vielleicht noch wichtiger.
? Das klingt weniger nach einem technischen und mehr nach einem organisatorischen Problem.
Gaurav: Ja, die Unternehmen müssen erst mal bei sich zu Hause aufräumen. Wir haben PDM-Systeme, Fertigungssysteme, Handelssysteme, SCM-Systeme und Sourcing-Systeme. Jedes betrachtet das Produkt aus einem ganz bestimmten Blickwinkel. Was wir brauchen ist eine einzige, übergeordnete Perspektive und das hat nur begrenzt mit Technik, dafür aber sehr viel mit Methodik zu tun. Zum Beispiel muss festgelegt werden, wer wissen muss, wann ein Produktangebot neu ins Sortiment kommt oder verändert wird. Wir stellen hier die entsprechenden Workflows und Refenzdatenbanken bereit.
? Die Verwirrung an der Kundenbasis in Sachen RFID ist groß. Was raten Sie einem Unternehmen, das vor einer solchen Investitionsentscheidung steht?
Gaurav: Auch wenn es ziemlich viel Hype um das Thema gibt, so muss uns doch bewusst bleiben, dass RFID nicht das Allheilmittel für die Supply Chain ist. Wir raten deshalb zu einer etwas pragmatischeren Betrachtungsweise. RFID ist ein starkes Werkzeug, aber es löst nicht alle Probleme von Logistik und Warenfluss. Es bleibt noch viel zu tun, aber es geht vorwärts. Kunden sollten sich zuerst darüber klar werden, wo in ihrem speziellen Fall der wahre Wert fürs Business liegt und wie hoch die tatsächliche TCO sein wird. Anders ausgedrückt: Langsam, aber stetig und vor allem realistisch, so lautet die Devise.
Created: 13.02.04, modified: 06.09.04
|